Kinmara

Omas Weisheit zur Diamantenen Hochzeit

Hochzeiten haben so etwas von einem Neuanfang für mich. Die Paare strahlen, zeigen gerne ihre Gefühle füreinander, genießen die Aufmerksamkeit und geben sich in einem auserwählten Kreis ein – eigentlich – ziemlich intimes und mutiges Versprechen. Ich erlebe als Hochzeitsfotograf die strahlenden Paare an einem Tag, an dem sie ihre Liebe feiern und sich versprechen, zusammen alt zu werden.

Vor kurzem habe ich mich gefragt, wie man das denn eigentlich schafft, gemeinsam alt zu werden. Das Versprechen beinhaltet ja auch irgendwie, sich dabei gute, liebende Partner zu sein. „Bis dass der Tod uns scheidet und bis dahin ziehen wir uns regelmäßig eins mit unseren Gehstöcken über wenn der andere nicht guckt“ ist für mich jetzt nicht der erstrebenswerteste Zustand.

Dieses Jahr im Oktober sind meine Großeltern 60 Jahre glücklich verheiratet. Zu diesem Anlass habe ich meine Oma gefragt, was ihr Geheimnis ist.

Ich weiß nicht genau, welche Antwort ich erwartet hatte. Jedenfalls hat mich meine Oma mit der Einfachheit und Klarheit ihrer Antwort sehr überrascht und gleichzeitig zum Nachdenken angeregt. Sie meinte „Kristin, man muss von Herzen gern dem anderen Freiraum schenken. Und man muss immer versuchen Verständnis für ihn zu haben.“

Erstmal klang das ziemlich selbstlos und wer meine Oma kennt, der weiß, dass sie eine ganz große Schenkerin ist. Sie kümmert sich erstmal um das Wohl aller ihrer Lieben, bevor sie an sich selbst denkt. Ich denke was sie aber damit meint ist, dass es nicht darum geht, Opfer für den Anderen zu bringen, sondern dass das Glück zusammen im Glück des Einzelnen liegt.
Wenn man seinen Partner ehrlich liebt, will man ihn glücklich sehen und beschränkt gerne mal den eigenen Freiraum, um ihm dafür welchen zu schenken. Das erlaubt jedem der Partner im Zusammen immernoch ein eigenständiger Mensch mit eigenen Interessen zu bleiben. Kalkül oder eine geheime Bilanz findet dabei keinen Platz.

Das „nobody is perfect“, das in ihrer Antwort mitschwingt, ist auch so eine Sache. Genausowenig wie man selbst als Rohversion gesehen werden möchte, die noch den rechten Feinschliff braucht, möchte das ein Partner. Die „Fehler“ eines Anderen sind immer nur der Spiegel der eigenen Wahrnehmung oder Vorlieben. Meine Oma wirbt für den ehrlichen Versuch, den anderen nicht zu be- oder verurteilen, sondern immer neu zu versuchen zu verstehen, was im Anderen vorgeht. Ich könnte mir vorstellen, dass das eventuell der herausfordernste Aspekt ist, wenn man Jahrzehnte lang zusammen seine Tage miteinander lebt. Man erwischt mich nunmal gelegentlich bei einem genüsslichen Fußbad und ich besitze 4 Wärmflaschen die nicht selten alle gleichzeitig mein Bett wärmen.

Aber wenn man das schafft, und mit einem wachem Auge für das Glück des Anderen zusammen sein Leben verbringt, schafft man es auch, nach sechzig Jahren immernoch gerne den selben Menschen an seiner Seite zu haben, mit dem man am Hochzeitstag um die Wette gestrahlt hat. Und ihm immernoch gerne ein Busserl zu geben. 😉 So meine Oma.

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